Die Latemarpuppen

Haben Sie sich nie gefragt, wie der Latemar zu seiner bizarren Form und zu seinen unzähligen Zacken kam? Die Sager der Latemarpuppen erklärt, was sich einst hoch über dem Karerpass abgespielt hat. Und die Moral von der Geschichte?
 
 
 
 
Es war einmal, vor langer Zeit, an einem schönen Sommerabend. Hirtenkinder saßen, müde vom Tagewerk am Karerpass, und freuten sich, bald die Weide verlassen zu dürfen.
Da kam ein alter Mann des Weges. Verzweifelt kam er auf die kleine Gruppe Kinder zu: "Ich habe mein Messer verloren. Habt ihr es zufällig gesehen?" Die Kinder hatten den Alten noch nie zuvor gesehen, und auch sein Messer hatten sie nie zu Gesicht bekommen. Also verneinten sie seine Frage.

Trotzdem verspreachen sie ihm, an ihrem Platz nach dem Messer zu suchen. Der Mann dankte ihnen und zog weiter. Bald läuteten die Abendglocken und die Kinder machten sich daran, das Vieh zusammen- und Richtung Dorf zu treiben. Auf dem Heimweg sah das älteste der Kinder, die zwolfjährige Minaga, etwas am Wegesrand glänzen. Sie bückte sich und erkannte ein prächtiges Messer. Das musste dem Alten gehören!

Minaga hob das Messer auf, und ohne zu überlegen rannte sie dem alten Mann nach, der weiter Richtung Latemar aufgestiegen war. Atemlos übergab sie dem Fremden den Fund. Dieser war hoch erfreut: Einerseits hatte er sein Messer wieder, andererseits freute er sich über die Ehrlichkeit der Finderin. Also versprach er: "Liebes Kind, ich freue mich so sehr, dass du das Messer zurück gebracht hast, dass ich dir einen Wunsch erfülle!"

Minaga war sprachlos, überlegte eine ganze Weile. Dann sagte sie: "Ich wünsche mir ... eine Puppe." "Gut", entgegnete der Alte. "Dann komm morgen mit den anderen Kindern hierher zu mir. Ich werde euch eine ganze Schar Puppen vorführen, und ihr könnt euch die schönste aussuchen." Und er verabschiedete sich.

Minaga war glücklich und machte sich auf den Weg ins Dorf. Dort, wo der Weg über einen Bach führte, begegnete Minaga eine fremde Frau, deren Gruß sie erwiderte. Sie kamen ins Gespräch und Minaga erzählte ihr, was gerade passiert war. "Du Glückskind!" rief die Fremde Frau. "Du hast den alten Venediger getroffen. Das ist ein steinreicher Mann. Unter allen seinen Schätzen befinden sich auch zweierlei Puppen: die einen tragen weiße, gelbe und rote Seidenkleider, die anderen aber haben Perlengeschmeide und goldenen Kronen. Wenn er euch also morgen die Puppen mit den Seidengewändern vorführt, so solltest du dich nicht zufrieden geben, sondern sagen: Puppen von Stein, mit seidenen Fetzen, bleibt dort und schaut euch den Latemar an!" Nach diesem Rat verschwand die geheimnisvolle Frau.

Am folgenden Tag machten sich die Hirtenkinder unter der Führung von Minaga auf den Weg zum Latemar. Am verabredeten Ort setzten sie sich, um zu warten. Kaum hatten sie sich gesetzt, öffnete sich ein schweres Tor, und ein endloser Zug von Puppen kam, eine schöner wie die andere, alle bekleidet mit wunderschönen, bunten Seidenkleidern. Die Kinder beobachteten stumm das Schauspiel, hatten noch nie so etwas schönes gesehen. Nur Minaga blieb unbeeindruckt. Nach einer Weile sagte sie:
"Puppen von Stein, mit seidenen Fetzen, bleibt dort und schaut euch den Latemar an!"
Man hörte ein Sausen und Pfeifen durch den Berg ziehen. Dann ertönte ein Hohngelächter aus dem Wald und die Puppen erstarrten zu Stein. Die prächtigen Seidenkleider der Steinpuppen aber, kann man noch heute in der Sonne glänzen sehen.

 
 
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